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Unabhängige Stimme für Menschenrechte in Afghanistan
Unabhängige Stimme für Menschenrechte in Afghanistan

Ein neuer UNAMA-Bericht dokumentiert die langfristigen körperlichen, psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen jahrzehntelanger Kriege in Afghanistan. Viele Opfer warten weiterhin auf Wahrheit, Wiedergutmachung, Unterstützung und eine unabhängige Aufarbeitung möglicher schwerer Verbrechen.
Jahrzehnte bewaffneter Konflikte in Afghanistan haben Hunderttausende Familien mit Tod, Verletzungen, Behinderungen, Vertreibung, Armut und schweren psychischen Traumata zurückgelassen. Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen zeigt nun, dass für viele Opfer das Ende einer Phase des Krieges keineswegs das Ende seiner Folgen bedeutete.
Die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) erklärt in ihrem neuen Bericht, dass Opfer des Konflikts weiterhin unter tiefgreifenden körperlichen, psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen leiden. Viele von ihnen haben weder Gerechtigkeit erfahren noch angemessene Unterstützung erhalten; selbst das ihnen zugefügte Leid wurde nicht hinreichend anerkannt.
Der Bericht konzentriert sich vor allem auf den Konfliktzeitraum von 2001 bis zur Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 und stützt sich auf Interviews mit 195 Opfern des Konflikts und Angehörigen von Opfern.
Direkte Quellen:
UNAMA – offizielle Veröffentlichung zum Bericht „Left Behind“
UNAMA – vollständiger Bericht „Left Behind“ (PDF, Englisch)

Eines der eindringlichsten Ergebnisse der UNAMA-Studie betrifft die psychischen Folgen des Krieges.
95 % der Befragten erklärten, sie hätten emotionale oder psychische Schäden erlitten, darunter Depressionen, Angstzustände, Flashbacks und andere traumabedingte Symptome.
Zudem gaben 58 % an, infolge des Konflikts körperlich verletzt worden zu sein. Einige leben bis heute mit chronischen Schmerzen oder Behinderungen, die auf kriegsbedingte Verletzungen zurückgehen.
Diese Zahlen dürfen nicht auf die gesamte Bevölkerung Afghanistans hochgerechnet werden. Sie beziehen sich ausschließlich auf die 195 Opfer und Familienangehörigen, die für diese Studie befragt wurden. Dennoch verdeutlichen die Ergebnisse, wie tiefgreifend die langfristigen Folgen des Krieges für die von UNAMA interviewten Opfer sind.
Direkte Quelle:
UNAMA – Ergebnisse zu den körperlichen und psychischen Schäden der Opfer
Das Ausmaß des Leids der Zivilbevölkerung reicht weit über die 195 für diese Studie befragten Personen hinaus.
Nach Angaben von UNAMA dokumentierte die Mission allein zwischen Januar 2009 und dem 15. August 2021 mehr als 40.000 getötete und mehr als 77.000 verletzte Zivilpersonen infolge des Konflikts.
Diese Zahlen umfassen nicht alle Opfer der jahrzehntelangen Kriege in Afghanistan. Der genannte Dokumentationszeitraum beginnt 2009 und darf deshalb weder als Gesamtzahl der Opfer seit 2001 noch als Gesamtzahl aus den Jahrzehnten davor dargestellt werden.
Für Afghanistan Spiegel ist diese Unterscheidung grundlegend: Die Glaubwürdigkeit einer Dokumentation hängt nicht nur davon ab, Zahlen korrekt wiederzugeben, sondern auch ihren Umfang und ihre Grenzen klar zu benennen.
Direkte Quelle:
UNAMA – vollständiger Bericht: „Left Behind: The Rights of Victims in the Aftermath of Decades of Armed Conflict in Afghanistan“
Eines der wichtigsten Ergebnisse des Berichts betrifft nicht die vergangene Gewalt selbst, sondern den Zugang der Opfer zur Justiz.
UNAMA zufolge hatten 55 % der Befragten nie versucht, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung oder eine andere Form der Abhilfe zu erlangen.
Die genannten Gründe sind von großer Bedeutung: Einige glaubten, ihre Beschwerden würden nicht ernst genommen; andere fürchteten Vergeltungsmaßnahmen.
Selbst unter jenen, die Unterstützung oder Rechenschaft eingefordert hatten, erklärten 64 %, ihre Bemühungen hätten zu keinem Ergebnis geführt.
Die Opfer berichteten von administrativen Hindernissen, ausbleibenden Reaktionen, wahrgenommener Diskriminierung und begrenzter Transparenz im Umgang mit Behörden und Institutionen.
Diese Ergebnisse werfen eine grundlegende Frage auf:
Was bedeutet Gerechtigkeit, wenn ein Opfer nicht glaubt, dass seine Beschwerde ernst genommen wird – oder Angst vor den Folgen hat, wenn es Gerechtigkeit sucht?
Direkte Quelle:
UNAMA – Ergebnisse zu den Hindernissen beim Zugang zu Justiz und Wiedergutmachung
UNAMA fragte die Opfer direkt, was für sie von Bedeutung ist.
Ihre Antworten sind eindeutig:
Diese Zahlen sind besonders bedeutsam, weil sie die Debatte über Gerechtigkeit in Afghanistan weg von politischen Entscheidungsprozessen und hin zu den von den Opfern selbst geäußerten Prioritäten führen.
Für die Opfer besteht Gerechtigkeit nicht ausschließlich in der Bestrafung von Verantwortlichen. Dazu können auch Wahrheitsfindung, die Anerkennung des erlittenen Leids, Wiedergutmachung, körperliche und psychologische Unterstützung, Rehabilitation sowie Garantien der Nichtwiederholung gehören.
Keine dieser Maßnahmen darf jedoch strafrechtliche Ermittlungen zu schweren Verbrechen ersetzen, wenn ausreichende Beweise vorliegen und die dafür geltenden rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Direkte Quelle:
UNAMA – von den Opfern des Afghanistan-Konflikts benannte Prioritäten
Der UNAMA-Bericht zeigt, wie sich die Folgen des Krieges mit der gegenwärtigen Menschenrechtslage in Afghanistan überschneiden können.
Frauen, die ihre Ehemänner im Konflikt verloren haben, können in wirtschaftliche Unsicherheit geraten. UNAMA erklärt, dass die von den De-facto-Behörden verhängten Einschränkungen den Zugang von Frauen zu Beschäftigung begrenzt und damit die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Kriegswitwen verschärft haben.
Für manche Frauen ist die Viktimisierung während des Konflikts deshalb nicht einfach ein Ereignis der Vergangenheit: Der Verlust eines Familienmitglieds, wirtschaftliche Not und die heutigen Beschäftigungsbeschränkungen können sich gegenseitig verstärken.
Direkte Quelle:
UNAMA – wirtschaftliche Lage der infolge des Konflikts verwitweten Frauen
Der UNAMA-Bericht konzentriert sich vor allem auf den Zeitraum zwischen 2001 und dem 15. August 2021 – eine Periode, in der zahlreiche bewaffnete Akteure in Afghanistan beteiligt waren.
Für Afghanistan Spiegel muss ein Grundsatz unverhandelbar sein:
Die Rechte eines Opfers hängen nicht von der Identität der mutmaßlich verantwortlichen Person ab.
Wo glaubwürdige Beweise für schwere Verbrechen vorliegen, müssen dieselben Maßstäbe für Ermittlungen und Rechenschaft gelten. Gerechtigkeit darf nicht selektiv nach politischer, ethnischer, religiöser, militärischer oder internationaler Zugehörigkeit der mutmaßlich verantwortlichen Person angewandt werden.
UNAMA fordert zudem alle Parteien, die konfliktbezogene Verantwortung tragen, dazu auf, Bemühungen um Rechenschaft zu unterstützen und sich an Maßnahmen zu beteiligen, die den Rechten und Bedürfnissen der Opfer Rechnung tragen.
Direkte Quelle:
UNAMA – Empfehlungen zu Rechenschaft und Opferrechten
Hinter den Kriegsstatistiken stehen einzelne menschliche Schicksale.
Ein zerstörtes Haus.
Ein getötetes Familienmitglied.
Ein dauerhaft versehrter Körper.
Ein Kind, das mit Erinnerungen an Gewalt aufgewachsen ist.
Eine Familie, die bis heute nicht weiß, wer verantwortlich war.
Doch Erinnerung allein kann Leid nicht in Gerechtigkeit verwandeln.
Dokumente, Zeugenaussagen, medizinische Unterlagen, Fotografien, Urteile, Grabstätten, Befehlsstrukturen und andere potenzielle Beweismittel müssen nach professionellen und rechtlichen Standards bewahrt und untersucht werden.
Denn mit der Zeit sterben Zeugen, Dokumente verschwinden und die Feststellung von Verantwortung wird schwieriger.
UNAMA fordert einen umfassenden, opferzentrierten Ansatz zur Aufarbeitung des Konflikterbes Afghanistans und betont, dass die Stimmen und Rechte der Opfer im Mittelpunkt dieses Prozesses bleiben müssen.
Direkte Quelle:
UNAMA – vorgeschlagener opferzentrierter Ansatz für Afghanistan
Der neue UNAMA-Bericht legt erneut eine wichtige Realität offen:
Ein Regierungswechsel, das Ende einer Militäroperation oder ein Rückgang großflächiger Kampfhandlungen hebt die Verantwortung gegenüber den Opfern vergangener Konflikte nicht auf.
Afghanistan kann Jahrzehnte der Gewalt nicht einfach als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte behandeln, während Tausende Familien weiterhin mit Behinderungen, Armut, psychischen Traumata, dem Verlust geliebter Menschen und unbeantworteten Fragen nach Gerechtigkeit leben.
Aus Sicht von Afghanistan Spiegel muss Gerechtigkeit für Afghanistan opferzentriert, beweisgestützt und nicht selektiv sein.
Ein Opfer darf nicht allein wegen der Identität der mutmaßlich verantwortlichen Person als wichtig gelten, während ein anderes vergessen wird.
Dasselbe Prinzip gilt für Verantwortung.
Politische Zugehörigkeit, gegenwärtige Macht, ein früheres Amt, Nationalität oder internationaler Status dürfen niemanden allein deshalb einer Überprüfung entziehen, wenn Beweise für eine individuelle Verantwortung vorliegen.
Zugleich ist strafrechtliche Verantwortung individuell. Ein Bericht der Vereinten Nationen oder einer Menschenrechtsorganisation begründet für sich allein nicht die strafrechtliche Schuld einer bestimmten Person. Verantwortung muss auf der Grundlage ausreichender Beweise in einem zuständigen, unabhängigen und fairen Gerichtsverfahren festgestellt werden.
Quelle der Bewertung von Afghanistan Spiegel:
UNAMA – „Left Behind: The Rights of Victims in the Aftermath of Decades of Armed Conflict in Afghanistan“
Afghanistan Spiegel fordert die Vereinten Nationen, das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte, den UN-Sonderberichterstatter zur Menschenrechtslage in Afghanistan, den Internationalen Strafgerichtshof, die Europäische Union, die am Afghanistan-Konflikt beteiligten Staaten und unabhängige Menschenrechtsorganisationen auf, das Schicksal der afghanischen Kriegsopfer aus den Randbereichen der internationalen Politik zu holen.
Unsere Forderung beschränkt sich jedoch nicht auf die Einrichtung von Hilfsfonds, die Veröffentlichung von Erklärungen oder den Ausdruck von Mitgefühl.
Die Wahrheit muss dokumentiert werden. Beweise müssen gesichert werden. Verantwortung muss untersucht werden.
Jeder glaubwürdige Vorwurf von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder anderen Verbrechen nach internationalem Recht sollte von unabhängigen und zuständigen Stellen auf der Grundlage von Beweisen und geltendem Recht geprüft werden.
Opfer und Zeugen müssen vor Drohungen und Vergeltungsmaßnahmen geschützt werden. Dokumente und Beweismittel müssen nach Standards gesichert werden, die ihre mögliche Verwendung in künftigen Gerichtsverfahren erlauben.
Vor allem gilt:
Wenn unabhängige Ermittlungen ausreichende, gerichtlich verwertbare Beweise für eine individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeit ergeben, müssen Verdächtige – unabhängig von ihrer Zugehörigkeit, ihrem Rang, ihrer Macht oder ihrer Nationalität – vor zuständige nationale oder internationale Gerichte gestellt und in fairen Verfahren angeklagt werden.
Diese Forderung darf nicht selektiv angewandt werden.
Wo ausreichende Beweise vorliegen, muss Gerechtigkeit verfolgt werden – unabhängig davon, welcher Konfliktpartei die mutmaßlich verantwortliche Person angehörte.
Auch UNAMA fordert Unterstützung für Bemühungen um Rechenschaft, umfassende Wiedergutmachungs- und Hilfsprogramme für Opfer sowie die Beteiligung aller Parteien mit konfliktbezogener Verantwortung an der Verwirklichung der Opferrechte.
Direkte Quellen:
UNAMA – offizielle Veröffentlichung und Empfehlungen zu den Rechten der Opfer
UNAMA – vollständiger Bericht (PDF, Englisch)
Afghanistan muss seine Vergangenheit nicht vergessen, um seine Zukunft aufzubauen.
Im Gegenteil: Eine Zukunft, die auf der Auslöschung der Opfer aus dem öffentlichen Gedächtnis und der Straflosigkeit der für Verbrechen Verantwortlichen beruht, birgt die Gefahr, denselben Kreislauf zu wiederholen.
Afghanistans Opfer brauchen mehr als Erinnerung. Sie haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren, gehört zu werden, das erlittene Leid anerkannt zu sehen und Zugang zu Gerechtigkeit zu erhalten.
Und wenn ausreichende Beweise zeigen, dass einzelne Personen für internationale Verbrechen verantwortlich sind, darf Gerechtigkeit nicht an den Grenzen von Rang, Macht oder politischen Erwägungen Halt machen.
Kein nachhaltiger Frieden darf auf dem Vergessen der Opfer und der Straflosigkeit für schwere Verbrechen errichtet werden.