Afghanistan: Neuer Kodex zur Ermöglichung von Kinderehen verschärft die katastrophale Lage der Rechte von Frauen und Mädchen

Der Erlass eines neuen Kodex, der Kinderehen ermöglicht, ist der jüngste Angriff der Taliban-De-facto-Behörden auf die Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan, erklärte Amnesty International nach einer rechtlichen Analyse des Dokuments.

Der Erlass Nr. 18 mit dem Titel „Kodex über die gerichtliche Trennung von Ehegatten“, der am 14. Mai 2026 im Amtsblatt veröffentlicht wurde, ermöglicht die Verheiratung von Kindern, schränkt die Möglichkeiten von Frauen und Mädchen ein, eine Ehe zu verlassen, und verfestigt diskriminierende Geschlechternormen.

„Dieser neue Kodex verschärft die ohnehin katastrophale Lage der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan. Er nimmt ihnen ihre Selbstbestimmung, missachtet das Erfordernis einer freien und uneingeschränkten Zustimmung und überträgt männlichen Verwandten weitreichende Kontrolle über ihr Leben. Damit droht die Kinderehe weiter institutionalisiert zu werden“, sagte Isabelle Lassee, stellvertretende Regionaldirektorin für Südasien bei Amnesty International.

Vor diesem Kodex gab es kein einheitliches, von den Taliban erlassenes Gesetz zur Regelung von Ehe und Scheidung. Stattdessen wurden religiöse Erlasse, Auslegungen der hanafitischen Rechtsschule und informelle Praktiken angewandt, die den Behörden und Gerichten einen großen Ermessensspielraum ließen.

Der Kodex behandelt das Schweigen eines Mädchens nach Erreichen der Pubertät als Zustimmung zur Ehe. Dadurch wird Zwang begünstigt und das grundlegende Prinzip einer freien und uneingeschränkten Zustimmung untergraben. Vätern und Großvätern wird eine weitreichende Befugnis eingeräumt, Ehen zu arrangieren; unter bestimmten Umständen werden auch weiter entfernte männliche Verwandte als Vormünder anerkannt.

„Der Kodex stärkt die männliche Vormundschaft und macht zentrale Entscheidungen über das Leben von Frauen und Mädchen von männlichen Angehörigen abhängig. Dies vertieft ihre rechtliche und gesellschaftliche Unterordnung“, sagte Lassee.

Diese Bestimmungen stehen im Widerspruch zum internationalen Menschenrecht, das Kinder vor Früh- und Zwangsehen schützt, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern verlangt und eine klare, freie und uneingeschränkte Zustimmung beider Ehepartner voraussetzt.

Der Kodex schafft zudem rechtliche und verfahrensrechtliche Hürden für Frauen, die eine Ehe beenden wollen. Frauen müssen gerichtliche Genehmigungen einholen und weitere Voraussetzungen erfüllen, während Männer weiterhin einseitig die Scheidung erklären können. Diese Ungleichbehandlung verstärkt die bestehende geschlechtsspezifische Diskriminierung.

Für ihre Analyse sprach Amnesty International mit fünf afghanischen Rechtsexpertinnen und Rechtsexperten, darunter Rechtsanwältinnen, Menschenrechtsverteidiger und Fachleute für islamisches Recht.

„Dieses frauenfeindliche Regelwerk formalisiert Praktiken, die Frauen und Mädchen ihrer grundlegendsten Rechte berauben. Es bietet ihnen keinen wirksamen Schutz und setzt sie einem noch größeren Risiko von Zwang, Gewalt und Ausbeutung aus“, sagte die afghanische Rechtsanwältin Najla Rahil.

Eine in Afghanistan tätige Strafverteidigerin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben wollte, erklärte: „Diese Vorschriften stärken patriarchale Strukturen und schränken die Möglichkeiten von Frauen ein, Gerechtigkeit zu erlangen. Sie missachten die Menschenwürde und die grundlegenden Rechte von Frauen und Mädchen.“

Amnesty International fordert die internationale Gemeinschaft auf, unverzüglich zu handeln: durch diplomatischen Druck und prinzipiengeleitetes Engagement, um die Aufhebung dieser drakonischen Vorschriften, die Wiederherstellung eines formellen Rechtssystems sowie die Achtung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit zu erreichen.

Originalquelle

Amnesty International: Neuer Kodex zur Ermöglichung von Kinderehen verschärft die Lage der Rechte von Frauen und Mädchen (Englisch)

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