Zwangsrückführungen nach Afghanistan: reale Gefahren unter der Taliban-Herrschaft

Zwangsrückführungen von Afghaninnen und Afghanen unter der Repression der Taliban: Verurteilung allein reicht nicht – es braucht konkretes Handeln

Afghanistan erlebt groß angelegte Rückführungen, obwohl unter den Taliban weiterhin schwere Menschenrechtsrisiken bestehen. Afghanistan Spiegel fordert individuelle Prüfungen, sichere Schutzwege und konkretes internationales Handeln.

Bericht und Analyse von Afghanistan Spiegel
Primärquelle: Human Rights Watch

Afghanistan ist mit groß angelegten Rückführungen und Abschiebungen konfrontiert – zu einer Zeit, in der der Schutz grundlegender Menschenrechte im Land massiv geschwächt ist und die Taliban Frauen und Mädchen, Journalistinnen und Journalisten, zivilgesellschaftlich Engagierte sowie weitere gefährdete Gruppen weiterhin umfassend einschränken.

Aus Sicht von Afghanistan Spiegel geht es dabei nicht lediglich um die „Rückkehr von Migrantinnen und Migranten“. Die entscheidende Frage lautet:

In welches Land werden Menschen zurückgeschickt, unter welchen Bedingungen und mit welchem Risiko?

Wenn glaubwürdige Hinweise auf willkürliche Inhaftierungen, Folter, Medienunterdrückung, massive Einschränkungen der Freiheit von Frauen und mögliche Vergeltungsmaßnahmen gegen bestimmte Rückkehrende vorliegen, dürfen Rückführungen nicht lediglich als migrationspolitische oder administrative Verfahren behandelt werden.

Sie stehen unmittelbar mit den menschenrechtlichen Verpflichtungen der Staaten und dem Grundsatz in Verbindung, Menschen nicht in Situationen zurückzuschicken, in denen ihnen Verfolgung, Folter oder andere schwere Schäden drohen.

Afghanistan: Ein Zielstaat, in dem die Gefahr nicht vorüber ist

Human Rights Watch beschreibt die Menschenrechtslage in Afghanistan weiterhin als äußerst alarmierend.

Nach Einschätzung der Organisation haben die Taliban Maßnahmen eingeführt, die grundlegende Rechte schwer verletzen. Frauen und Mädchen dürfen weiterhin keine Bildung über die sechste Klasse hinaus erhalten. Zugleich bestehen gravierende Einschränkungen beim Zugang zu Arbeit, bei der Bewegungsfreiheit und bei der Teilnahme am öffentlichen Leben.

Human Rights Watch hat darüber hinaus weitverbreitete Zensur, willkürliche Festnahmen, die Folter von Journalistinnen, Journalisten und Aktivistinnen und Aktivisten sowie weitere Menschenrechtsverletzungen dokumentiert.

Afghanistan darf deshalb nicht allein danach beurteilt werden, ob die Zahl bewaffneter Auseinandersetzungen gesunken oder gestiegen ist.

Menschliche Sicherheit bedeutet weit mehr als die Abwesenheit von Kämpfen auf den Straßen.

Wenn einer Frau ihre grundlegenden Rechte entzogen werden, Journalistinnen und Journalisten wegen ihrer beruflichen Tätigkeit eine Festnahme droht, Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger aufgrund ihrer früheren Arbeit Verfolgung befürchten oder ehemalige Angehörige der Sicherheitskräfte Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt sein können, muss jede Behauptung, eine Rückkehr sei „sicher“, einer strengen menschenrechtlichen Prüfung unterzogen werden.

Millionen Afghaninnen und Afghanen zwischen Flucht und Rückführung

Human Rights Watch berichtete, dass Afghaninnen und Afghanen im Jahr 2025 mit etwa 5,8 Millionen Flüchtlingen und Migrantinnen und Migranten zu einer der größten vertriebenen Bevölkerungsgruppen der Welt gehörten.

Allein Iran und Pakistan schickten im selben Jahr mehr als zwei Millionen Afghaninnen und Afghanen zurück oder schoben sie ab. Unter ihnen befanden sich auch Menschen, die außerhalb Afghanistans geboren worden waren und zuvor nie in dem Land gelebt hatten.

Damit geht die Krise weit über einen gewöhnlichen Rückkehrprozess hinaus.

Für Menschen, die viele Jahre oder sogar ihr gesamtes Leben außerhalb Afghanistans verbracht haben, kann eine Rückführung bedeuten, in einem Land anzukommen, in dem sie weder über ein tragfähiges Unterstützungsnetz noch über Wohnraum, Arbeit oder ausreichende finanzielle Mittel verfügen.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirtschafts- und humanitären Krise Afghanistans können diese Umstände die Verletzlichkeit der Rückkehrenden erheblich verschärfen.

Journalistinnen, Journalisten und Menschenrechtsverteidigende: Rückkehr kann ein besonderes Risiko bedeuten

Eine der schwerwiegendsten Sorgen betrifft Menschen, die wegen ihrer früheren Aktivitäten, ihrer beruflichen Identität oder ihres gesellschaftlichen Profils gefährdet sein können.

Human Rights Watch warnte ausdrücklich davor, dass sich unter den aus Iran und Pakistan zurückgeführten Afghaninnen und Afghanen auch Aktivistinnen, Aktivisten sowie Medienschaffende befanden, die nach der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan geflohen waren.

Diesen Menschen können aufgrund ihrer Arbeit oder früheren Aktivitäten Vergeltungsmaßnahmen drohen.

Die Organisation hat außerdem willkürliche Inhaftierungen, Folter und Misshandlungen ehemaliger Angehöriger der afghanischen Sicherheitskräfte dokumentiert, die in das Land zurückgekehrt waren.

Aus Sicht von Afghanistan Spiegel verdeutlicht dies einen grundlegenden Grundsatz:

Nicht jeder afghanische Fall darf gleich beurteilt werden.

Journalistinnen und Journalisten, Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, Frauenrechtsaktivistinnen, bestimmte ehemalige Staatsbedienstete, frühere Angehörige der Sicherheitskräfte und weitere Menschen, die aufgrund ihrer Identität, ihres Berufs, ihrer Aktivitäten oder ihrer Vergangenheit ins Visier geraten können, benötigen eine sorgfältige und individuelle Risikoprüfung.

Eine Rückkehrkrise innerhalb einer humanitären Krise

Diese groß angelegten Rückführungen finden statt, während Afghanistan selbst weiterhin in einer tiefgreifenden wirtschaftlichen und humanitären Krise steckt.

Nach Angaben von Human Rights Watch waren Ende 2025 mehr als 22 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen; Frauen und Mädchen litten unverhältnismäßig stark darunter.

Mehr als drei Millionen Kinder waren akut mangelernährt.

Im selben Jahr mussten wegen fehlender Finanzierung mehr als 400 Gesundheitseinrichtungen schließen.

Diese Zahlen verdeutlichen eine entscheidende Realität: Die Rückkehr sehr großer Zahlen von Menschen nach Afghanistan erfolgt nicht in einem Vakuum.

Rückkehrende gelangen in ein Land, dessen Kapazitäten zur Bereitstellung von Nahrung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum, Beschäftigung und sozialer Unterstützung bereits für Millionen dort lebender Menschen massiv unter Druck stehen.

Die Migrationskrise und die humanitäre Krise Afghanistans dürfen daher nicht getrennt voneinander behandelt werden.

Die Verantwortung der Aufnahmestaaten

Afghanistan Spiegel erkennt an, dass Staaten das Recht haben, ihre Migrationssysteme zu steuern. Diese Befugnis kann jedoch weder ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen noch die Pflicht zu einer individuellen Risikoprüfung ersetzen.

Insbesondere wenn Menschen geltend machen, dass ihnen nach einer Rückkehr Verfolgung, Folter, willkürliche Inhaftierung oder andere schwere Schäden drohen, müssen Entscheidungen auf einer sorgfältigen, unabhängigen und individuellen Prüfung beruhen.

Pauschale Maßnahmen oder Entscheidungen, die die tatsächlichen Bedingungen in Afghanistan oder die konkreten Risiken für eine bestimmte Person außer Acht lassen, können schwerwiegende menschliche Folgen haben.

Es geht nicht nur um Iran und Pakistan

Die Bedenken hinsichtlich der Rückführung von Afghaninnen und Afghanen beschränken sich nicht auf die Nachbarstaaten Afghanistans.

Nach Angaben von Human Rights Watch schob Deutschland im Juli 2025 insgesamt 81 Afghanen nach Kabul ab. Es handelte sich um den zweiten Abschiebeflug seit der erneuten Machtübernahme der Taliban.

Gleichzeitig wurden afghanische Aufnahmeprogramme in mehreren westlichen Staaten verzögert oder ausgesetzt. Dadurch befinden sich Tausende Afghaninnen und Afghanen, die vor den Taliban geflohen sind, in verschiedenen Ländern weiterhin in unsicheren Verhältnissen.

Daraus ergibt sich ein schwerwiegender Widerspruch.

Einerseits verurteilt die internationale Gemeinschaft die Verletzung der Rechte von Frauen, die Einschränkung der Medienfreiheit, die Inhaftierung von Aktivistinnen und Aktivisten sowie weitere Menschenrechtsverletzungen der Taliban.

Andererseits werden Schutz- und Aufnahmewege für einige gefährdete Afghaninnen und Afghanen eingeschränkt, verzögert oder ausgesetzt.

Die Position von Afghanistan Spiegel

Afghanistan Spiegel ist der Auffassung, dass nach Jahren voller Berichte, Erklärungen und Besorgnisbekundungen über Afghanistan eine rein verbale Verurteilung nicht mehr ausreicht.

Ein neuer Bericht über Menschenrechtsverletzungen darf nicht lediglich zu einem weiteren Dokument in den Archiven internationaler Institutionen werden.

Wenn glaubwürdige Belege zeigen, dass Journalistinnen und Journalisten, Menschenrechtsverteidigende, Frauenrechtsaktivistinnen, ehemalige Angehörige staatlicher Institutionen und andere klar erkennbare Gruppen bei einer Rückkehr ernsthaft gefährdet sein können, darf die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft nicht mit einer Erklärung der Besorgnis enden.

Diese Belege müssen sich in konkreten politischen, migrationspolitischen und rechtlichen Entscheidungen widerspiegeln.

Afghanistan Spiegel fordert Regierungen, die Vereinten Nationen, die Europäische Union und internationale Menschenrechtsinstitutionen auf, von der Reaktion zum Handeln überzugehen.

Zu solchen Maßnahmen gehören:

  • die Verhinderung der Rückführung von Personen, bei denen eine individuelle Prüfung ein tatsächliches Risiko von Verfolgung, Folter oder anderen schweren Menschenrechtsverletzungen ergibt;
  • die Einrichtung und Aufrechterhaltung sicherer Schutzwege für Journalistinnen und Journalisten, Menschenrechtsverteidigende, Frauenrechtsaktivistinnen und weitere gefährdete Menschen;
  • die Beschleunigung von Ausreise-, Umsiedlungs- und Aufnahmeverfahren für Personen, die im Rahmen von Schutz- und Aufnahmeprogrammen bereits identifiziert oder zugelassen wurden;
  • die systematische Dokumentation der Lage von nach Afghanistan zurückgeführten Menschen und die Untersuchung dessen, was nach ihrer Rückkehr mit ihnen geschieht;
  • politische und finanzielle Unterstützung für internationale Mechanismen, die schwere Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan dokumentieren und ihre Ahndung verfolgen;
  • die Verankerung verbindlicher menschenrechtlicher Maßstäbe in politischen Entscheidungen über jede Form des Umgangs mit den Taliban.

Von der „Besorgnis“ zur Rechenschaftspflicht

Im Oktober 2025 richtete der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen einen umfassenden unabhängigen internationalen Rechenschaftsmechanismus für Afghanistan ein. Dieser soll schwere Menschenrechtsverletzungen untersuchen, Beweismaterial sammeln und sichern, Dokumentationen auswerten und zu möglichen künftigen Verfahren der Justiz beitragen.

Dies ist eine wichtige Entwicklung.

Der tatsächliche Wert solcher Mechanismen wird sich jedoch daran messen lassen, ob die Dokumentation zu Rechenschaftspflicht führt – und ob Rechenschaftspflicht letztlich zum wirklichen Schutz von Menschen beiträgt.

Die Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan sind bereits umfassend dokumentiert worden.

Die grundlegende Frage lautet nun:

Was geschieht, nachdem die Beweise dokumentiert wurden?

Der Appell von Afghanistan Spiegel an die internationale Gemeinschaft

Afghanistan Spiegel fordert die internationale Gemeinschaft auf, Afghanistan nicht nur dann in Erinnerung zu rufen, wenn sich ein weiterer schwerer Vorfall ereignet oder ein neuer alarmierender Bericht veröffentlicht wird.

Menschenrechtsverletzungen sind keine isolierten Ereignisse, die mit der Veröffentlichung einer Verurteilung enden.

Für Frauen und Mädchen, denen Bildung und gesellschaftliche Teilhabe verweigert werden; für Journalistinnen und Journalisten, die wegen ihrer Arbeit bedroht sind; für Menschenrechtsverteidigende; für Familien, die in Armut und Unsicherheit leben; und für Afghaninnen und Afghanen in anderen Ländern, denen eine erzwungene Rückkehr droht, zählt das Ergebnis internationaler Maßnahmen – nicht die Zahl der veröffentlichten Erklärungen.

Wir fordern Handeln, nicht bloß Reaktion.

Verurteilung ist notwendig, aber sie reicht nicht aus.

Besorgnisbekundungen sind notwendig, doch ohne praktische Konsequenzen können sie keinen Menschen schützen, der tatsächlich gefährdet ist.

Menschenrechtsberichte müssen politische Entscheidungen beeinflussen. Beweise müssen gesichert werden. Verantwortliche für schwere Menschenrechtsverletzungen müssen sich glaubwürdigen Rechenschaftsmechanismen stellen. Gefährdete Menschen müssen Zugang zu wirksamen Schutzwegen erhalten.

Regierungen, die Rückführungen oder Abschiebungen von Afghaninnen und Afghanen erwägen, müssen vor einer solchen Entscheidung eine grundlegende Frage beantworten:

Können sie gewährleisten, dass die zurückgeführte Person weder Verfolgung noch Folter, willkürlicher Inhaftierung oder anderen schweren Schäden ausgesetzt sein wird?

Kann eine solche Gewährleistung nicht gegeben werden, müssen der Schutz der Menschenrechte und des menschlichen Lebens Vorrang vor kurzfristigen politischen Erwägungen haben.

Schlussfolgerung

Die Krise Afghanistans wird nicht durch weitere Erklärungen „tiefer Besorgnis“ gelöst werden.

Fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verfügt die internationale Gemeinschaft bereits über umfangreiche Informationen zur Menschenrechtslage in Afghanistan.

Das zentrale Problem ist heute nicht der Mangel an Informationen.

Es ist die Lücke zwischen Wissen und Handeln.

Afghanistan Spiegel ist überzeugt, dass jeder glaubwürdige Menschenrechtsbericht zu einem Schritt in Richtung Rechenschaftspflicht werden muss und jede glaubwürdige Warnung vor einer Gefahr in Maßnahmen zum Schutz von Menschen einfließen muss.

Afghanistan braucht nicht nur weitere Erklärungen. Es braucht politische Maßnahmen, die menschenrechtliche Verpflichtungen in konkretes Handeln umsetzen.

Primärquelle

Human Rights Watch – Afghanistan / World Report 2026

Die Berichterstattung von Human Rights Watch über Afghanistan behandelt die Lage von Frauen und Mädchen, die Medienfreiheit, die humanitäre Krise, afghanische Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten, Rückführungen und Abschiebungen sowie internationale Rechenschaftsmechanismen.

Redaktioneller Hinweis

Die in diesem Bericht enthaltenen Sachinformationen und Statistiken beruhen hauptsächlich auf der Berichterstattung und Dokumentation von Human Rights Watch. Die Abschnitte mit der Position, der Analyse, den Schlussfolgerungen und den Handlungsforderungen von Afghanistan Spiegel geben die redaktionelle Position von Afghanistan Spiegel wieder und dürfen nicht Human Rights Watch zugeschrieben werden.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von AFGHANISTAN SPIEGEL

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen